STEFAN, I., Hl. König von Ungarn (969-1038)

Heute steht fest, daß der Gründer des christlichen Staates der Ungarn 969 geboren wurde. Ob der türkische Name Wajk, wie ihn Thietmar, Bischof von Merseburg bezeichnete, sein heidnischer war oder eine Rangbezeichnung, ist umstritten. Auf jeden Fall erhielt er die Taufe noch im frühen Kindesalter vermutlich von einem Missionar aus Passau und somit den christlichen Namen des Schutzpatrons dieser bayerischen Diözese.

Seine Eltern, Großfürst Geysa - ein Urenkel des landnehmenden Fürsten <199>rpád - und seine Mutter Sarolta - eine Tochter des Gyula (= Teilfürst) von Siebenbürgen - waren schon Christen, wenn auch noch halbherzig, denn die Christianisierung Ungarns begann systematisch 973 aufgrund der politischen Wende Geysas zum Abendlande.

Höchstwahrscheinlich war es der hl. Adalbert, Bischof von Prag, der während eines seiner Aufenthalte in Ungarn dem jungen Stefan die Firmung spendete. - Stefan, der bereits in christlichem Glauben erzogen wurde und eine vorbildliche christliche Lebensführung zu seinem Ideal machte, setzte nach dem Tode seines Vaters (1. Februar 997) das von ihm begonnene Werk fort: die endgültige Christianisierung und den weiteren Ausbau des in Grundzügen bereits vorhandenen ungarischen Staates.
Um 995 mit Prinzessin Gisela, einer Tochter des bayerischen Herzogs Heinrich II (des »Zänkers« 955-985) verheiratet, festigte er mit Hilfe bayerischer Ritter und Missionare seine vorerst angefochtene Herrschaft sowohl außen - wie innenpolitisch. Die Zentralgewalt und die territoriale Einheit des Staates baute er gegen den Widerstand einiger Stammesfürsten und Verwandten (Aufstände Koppánys 997-998; Gyulas und Ajtonys 1002-1003) aus.

Den Anspruch des Deutschen Reiches, Ungarn ähnlich wie Böhmen und Polen zu einem Vasallenstaat zu machen, wehrte er diplomatisch und militärisch erfolgreich ab. Zu seinem diplomatischen Meisterstücken gehörte, daß er 1000 mit Zustimmung Ottos III. von Papst Sylvester II. die Königswürde, die Krone (»Stefanskrone«), Vortragkreuz und ein apostolisches Privileg (die sogenannte Sylvesterbulle ist eine neuzeitliche Fälschung) erhielt und somit trotz reichskirchlicher Einsprüche (Piligrim von Passau) die unabhängige Kirchenorganisation Ungarns errichten und sein Reich als ein souveränes Königtum gelten lassen konnte.
Militärisch verteidigte er die Unabhängigkeit Ungarns gegen Ansprüche und Einfälle der Deutschen (Konrad II. 1030), der Polen, der Bulgaren und der Petschenegen. - Am 1. Januar 1001 nach dem deutschen Ritus (Ordo von Mainz) gesalbt und gekrönt, gab Stefan dem Staat nach der Vorlage der fränkischen Kapitularen, aber den ungarischen Verhältnissen angepaßt, moderne Gesetze (Decreta), ein in Komitate (Grafschaften) aufgeteiltes zeitgemäßes Verwaltungssystem, eine in zehn Diözesen eingebundene Kirchenorganisation, eine Reform des Heereswesens, den Ausbau des königlichen Hofes und durch mannigfaltige Förderungen eine blühende Wirtschaft, aufsteigenden Handel und Kultur sowie durch eine kluge Familienpolitik europäische Integration.

Sein Schwager war ja Kaiser Heinrich II. (1002-1024), seine Schwester die Frau des Dogen von Venedig Otto Orseolo, sein zweiter Sohn und designierter Nachfolger, Emerich, war mit einer byzantinischen Prinzessin vermählt. Durch die Öffnung Ungarns als Reiseweg nach dem Hl. Land, durch Stiftung und großzügige Ausstattung zahlreicher Kirchen und Klöster, Gründung ungarischer Pilgerheime in Rom, Konstantinopel und Jerusalem, durch den Bau der Liebfrauenkirche zu Stuhlweißenburg als sakralem Mittelpunkt des Reiches nach dem Vorbild der Aachener Marienkirche, schuf er für sich und sein Land internationales Ansehen. Da er seinen Sohn Emerich am 2. September 1031 durch einen tragischen Jagdunfall verlor, vertraute er angesichts der drohenden Gefahr eines Thronstreites Ungarn kurz vor seinem Tode dem Schutz der Gottesmutter (»Magna Domina Hungarorum«, Maria als Königin von Ungarn, »Regnum Marianum«) an. Stefan starb am 15. August 1038 und wurde in seiner Marienkirche zu Stuhlweißenburg beigesetzt (Sarkophag erhalten).
Auf Betreiben König Ladislaus I. erfolgte mit Zustimmung von Papst Gregor VII. am 20. August 1083 zusammen mit seinem Sohn durch feierliche Erhebung der Gebeine (»translatio«, seitdem nationaler Feiertag) seine Kanonisation. Königin Gisela, die als Selige verehrt wird, kehrte 1045 in ihre Heimat zurück und starb in dem Benediktinerinnenkloster zu Niedernburg, Passau. - Stefan gehört zu den bedeutendsten Fürsten der europäischen Geschichte.

Seltene staatsmännische Weisheit und Leitungsfähigkeit zeichneten ihn aus. Trotz vieler Kriege war er ein Mann des Friedens und der Versöhnung. Er war ein strenger König mit fester Hand, jedoch gerecht, gutmütig und wohltätig, der sein ganzes Leben und alle seine Entscheidungen von den Prinzipien des christlichen Glaubens leiten ließ (vgl. seinen Fürstenspiegel) Ungarn verehrt ihn, dessen rechte Hand unversehrt blieb und als eine nationale Reliquie gilt, als den Gründer des christlichen Staates, der ihm durch die weltliche und kirchliche Integration in die christlich-abendländische Völkergemeinschaft Zukunft und Bestand für Jahrhunderte gab.